"Eine Minute Sternenhimmel"

Eine Kurzgeschichte von Karsten Lorenz:

"Als Liebhaber eines prachtvollen Sternenhimmels möchte ich Ihnen meine im Jahre 2015 im Verlag Stimme fürs Leben e.U. erschienene Kurzgeschichte "Eine Minute Sternenhimmel" zur Verfügung stellen. In dieser Romanze geht es um das Thema Lichtverschmutzung und eine Idee zum Entfachen einer neuen Begeisterung an der sternenklaren Dunkelheit."

 

Der Förderverein Sternenpark Westhavelland e.V. bedankt sich herzlich bei Herrn Lorenz für das schöne Angebot und  freut sich, die kleine Geschichte auf der Webseite des Sternenparks präsentieren zu dürfen.

 

Die Rechte an Geschichte und Bilddatei liegen vollständig bei Karsten Lorenz.

 

Diese Geschichte ist 2015 erschienen in der Anthologie “Es braucht Veränderung – Ausgewählte Ideen für eine »Schöne neue Welt – ganz ohne Science Fiction«”, Stimme fürs Leben e.U. Buchverlag und Handel.

 

Über den Autor:

Geboren 1966, arbeitet als Ingenieur und Software-Entwickler, schreibt seit 2014 Kurzgeschichten, hauptsächlich Science Fiction, mit denen er stets ein Anliegen an seine Leserschaft formuliert.


Die Kurzgeschichte steht als Download zur Verfügung oder Sie lesen die Geschichte folgend auf dieser Seite. Viel Spaß bei:

 

"Eine Minute Sternenhimmel"

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Tobias wohnt in einer großen Stadt in einem wunderschönen Haus. Die schneeweiße Fassade des Hauses wird in der Nacht schick angestrahlt. Des Nachts ist es in der Stadt fast taghell, jedenfalls in der Mitte der Stadt, da wo man sich abends trifft, miteinander spricht, lacht und vielleicht auch noch etwas gemeinsam trinkt. Tobias besitzt ein modernes Auto mit vielen bunten Instrumenten-Lämpchen und hellen LED-Scheinwerfern. Wenn er damit durch die Straßen fährt, staunen die Leute über die zwei gewaltigen Lichtkegel, die er vor sich herschiebt.

Als Tobias eines Tages mit seiner neuen Freundin Anna eine Fahrt aufs Land macht, achtet er nicht auf den Füllstand des Benzintanks. Auch der Warnton dringt nicht zu ihm durch. Er hat nur Augen für Anna. Unbekümmert wandern die beiden den ganzen Tag an den Ufern eines einsamen Sees entlang und legen sich in der warmen  Sonne auf eine Wiese. Das Gras duftet herrlich. So intensiv hat Tobias die Natur noch niemals wahrgenommen. Als die Sonne untergeht, liegen sie immer noch Hand in Hand da und schauen zum Himmel hinauf. Die ersten Sterne sind gerade erschienen.
"Sieh mal", sagt Anna, "da ist schon der zweite Stern, und da noch einer."
"Erstaunlich, dabei ist es ja noch gar nicht richtig dunkel!", erwidert Tobias.
"Die Luft ist so klar heute. Wollen wir Sternschnuppen jagen?"
"Hast du denn schon mal eine gesehen?"
"Ja! Das heißt ..., nein. Nur im Fernsehen. Ich würde so gerne mal selbst eine sehen, mit meinen eigenen Augen."
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr fügt sie hinzu: "Jetzt müssen wir uns aber auf den Rückweg machen. Wir wollen doch noch in die neue Multiplexdiskothek gehen, oder?"
„Die mit dem Strahler auf dem Dach?“
„Genau die. Eine irre Lichtsäule, die bis in den Himmel reicht!“
Tobias steuert das Auto den engen Feldweg entlang. Im Scheinwerferlicht tanzen die Insekten. Da ertönt ein weiteres Warnsignal.
"Oh, nein! Der Tank ist fast leer."
"Wie weit kommen wir noch?", fragt Anna.
"Na, jedenfalls nicht bis zur nächsten Tankstelle. Wir sind ja hier mitten in der Pampa."
Tobias schaltet den Motor aus, um besser nachdenken zu können, und schlägt dann vor: "Wir werden im Auto übernachten müssen."
"Wo? Hier, auf dem Feld?", fragt Anna ungläubig. Ihr behagt der Gedanke nicht sonderlich. Aber was sollen sie sonst tun?
Tobias fasst ihre Hand und sagt: "Gleich morgen früh gehen wir zum nächsten Dorf und holen uns Benzin."

Noch ist es warm, und so machen sie es sich neben dem Auto im Gras bequem. Für eine Weile nehmen die beiden die Natur um sich herum gar nicht wahr, so versunken sind sie in ihrer Zweisamkeit. Als Anna wieder den Blick zum Himmel hebt, traut sie ihren Augen nicht.
"Sieh dir das an, das müssen wohl Tausende sein!"
Tobias liegt auf dem Rücken, die Augen geschlossen, und fragt müde: "Tausende was?"
"Sterne! So viele habe ich noch nie gesehen!" Und als er immer noch nicht reagiert, rüttelt Anna an ihm. "Tobias? Was ist mit dir?"
Endlich öffnet er die Augen und stößt nun seinerseits einen Ausruf des Staunens aus: "Großer Gott, das ist unglaublich! Das da muss die Milchstraße sein! Die kenne ich nur aus Büchern. Anna, hast du deinen Fotoapparat dabei?"
"Nein, aber ich kann's ja mal mit meinem Smartphone versuchen."
Während Anna versucht, diesen Anblick einzufangen, grübelt Tobias darüber nach, was bei ihm vom Astronomieunterricht hängen geblieben ist. Inzwischen ist er aufgestanden und betrachtet aufgeregt das nächtliche Wunder. Den Kopf in den Nacken gelegt, dreht er sich nach allen Seiten. Das feucht gewordene Gras zwingt auch Anna aufzustehen.

"So wird das mit dem Foto nichts. Die Empfindlichkeit reicht nicht aus." Bei diesen Worten wird ihr bewusst, wie leistungsfähig die menschlichen Sinne doch sind und wie mühelos ihre bloßen Augen dieses Schauspiel so brillant erfassen können. Die Konservierung dieses Bildes auf einem Speicherchip scheint unmöglich. Frustriert steckt sie das Gerät wieder ein. Vielleicht kann sie den Anblick wenigstens im Gedächtnis behalten.
Der Boden unter ihnen liegt in undurchdringlicher Dunkelheit.
„Tobias?“
„Ja?“
„Ach, da bist du.“
Tastend gehen ihre Arme auf die Suche und legen sich zärtlich um seinen Körper. Bauch an Bauch, den Blick aufwärtsgerichtet, stehen sie da, überwältigt von dieser funkelnden Pracht über ihnen, und halten einander fest. Zwei Verliebte an der Grenze zu einer anderen Welt. Die laue Sommerluft hüllt sie ein mit den Düften der Wiese und dem rhythmischen Zirpen hunderter Grillen.
"In der Stadt sieht man so etwas nie", beginnt Tobias nach einer Weile des ehrfürchtigen Schweigens. "Irgendwo habe ich gelesen, dass die vielen künstlichen Lichtquellen dafür verantwortlich sind. Lichtreklame, angestrahlte Häuserfassaden, ..."
"Straßenbeleuchtung, Autoscheinwerfer, ...", wirft Anna ein.
"Ja, und es wird jedes Jahr etwas heller. Sogar aus dem Weltraum kann man das erkennen. Das haben die Astronauten der ISS gesagt."
"Schön, dass die Lichter der Stadt nicht bis hierher reichen. Sonst könnten wir das hier nicht erleben." Und damit küsst Anna ihn so leidenschaftlich, dass Tobias beinahe die Knie wegsacken.
Als er seine Sinne wiederfindet, fliegt er in Gedanken mit Anna im Arm hinauf, so hoch, dass er am Horizont das Leuchten der großen Stadt sehen kann. Dort, wo seine Wohnung liegt, gibt es keine richtige Dunkelheit mehr. Ein milchiger Schleier hängt über allem, kriecht zwischen die Häuser und dringt durch seine geschlossenen Augenlider. Welch ein Kontrast zu der samtenen Schwärze hier! Und da kommt Tobias eine Idee.
"Anna, würdest du gerne auch in der Stadt so viele Sterne sehen, wenn es Nacht wird?"
"Oh ja, das wäre schön!" Damit dreht sie sich um und schlendert, mit den Füßen durch das hohe Gras raschelnd, zum Auto.
Tobias folgt ihr mit den Augen, welche sich inzwischen vollständig an die Dunkelheit gewöhnt haben. "Wir müssten nur dafür sorgen, dass alle Lichter, wirklich alle, abgeschaltet werden".
"Tu's nicht!“, antwortet sie, während sie sich auf die Motorhaube setzt. „Dafür kommst du ins Gefängnis, und dort hast du keinen freien Blick mehr auf den Himmel."
"Nein, nein! So meine ich das doch gar nicht."
Und Tobias erzählt Anna von seiner Idee. Einen Verein wolle er gründen und Radio und Zeitung darum bitten, für sein Projekt zu werben. Und dann in weiterer Folge könne man das auch an die Stadtverwaltung herantragen.
Anna schüttelt den Kopf. "Was sollen denn deine Vereinsmitglieder so alles tun? An einem Tisch sitzen und davon träumen, was sie noch nie selbst gesehen haben?"
"Wir könnten Fahrten ins Grüne organisieren", schlägt Tobias vor.
"Mit Lagerfeuer und Bier?"
"Natürlich ohne Lagerfeuer! Das würde den Anblick ruinieren. Andererseits ..."
"Du musst deinen 'Jüngern' schon etwas bieten, sonst wird dir keiner folgen", spottet Anna.
So geht die Suche nach einem Konzept für den Verein noch eine Weile hin und her, bis Anna endlich gähnt und sagt: "Ich bin müde. Lass uns morgen weitermachen." An Sternschnuppen denken die beiden in dieser Nacht nicht mehr, als sie eng umschlungen in Tobias' Auto einschlafen.

An den folgenden Tagen liest Tobias alles über Vereinsgründungen, Satzungen und Gemeinnützigkeit. Beinahe kapituliert er vor dem Bürokratie-Monster. Im Freundeskreis ist das Thema nach einigen Witzchen, wie etwa "Sternhagelvoll auf der Wiese, und du bist immer noch nicht nüchtern?", schnell erledigt.
"Man muss es selbst gesehen haben, um die Begeisterung zu spüren", tröstet Anna ihn. "Vielleicht sollten wir erstmal eine Homepage einrichten. Im Internet erreichen wir viel mehr Sternenfreunde."
"Die wohnen aber dann sicher nicht alle in unserer Stadt. Welche Stadt soll denn dann verdunkelt werden?"
"Ich weiß auch nicht. Hast du mal etwas von der Dark Sky Association gehört?"
"Ja, da sind schon viele Gleichgesinnte organisiert", antwortet Tobias. "Aber die haben bisher nicht viel erreicht. Ich möchte nicht nur Öffentlichkeitsarbeit machen, sondern etwas Konkretes schaffen. Zum Beispiel eine dunkle Stadt."
"Das ist zu radikal. Die Beleuchtung hat ja auch ihren Sinn. Keiner wird das wollen, und keiner wird glauben, dass wir das erreichen können. Und, um ehrlich zu sein, ich glaube es auch nicht."
"Es müsste etwas sein, das legal ist, das jeder machen kann, ohne Ärger zu bekommen", denkt Tobias laut weiter, "Zum zum Beispiel einen Tag lang mal auf künstliches Licht verzichten."
"Okay, ich entwerfe mal eine Homepage", bietet Anna an. Er würde wohl nicht lockerlassen.
"Anna, was würde ich ohne dich nur machen?" Er kann auf seine Freundin zählen, soviel ist klar.
"Glaub' bloß nicht, dass ich alles alleine mache“, entgegnet sie. „Du wirst die Werbetrommel rühren. Das wird die eigentliche Knochenarbeit sein."

Der Besucherzähler überrascht beide. Dank Tobias' Aktivitäten in verschiedenen Online-Foren überspringt er schon am ersten Tag die 2000er-Marke. Nach einer Woche sind es sogar mehr als 17000. Und im extra dafür eingerichteten E-Mail Postfach stapeln sich 138 Nachrichten mit Anfragen, Vorschlägen und auch jeder Menge SPAM.
"Tobias, so geht das nicht weiter. Wir schaffen das nicht. Wir sind ständig nur am Beantworten der E-Mails. Und in der Sache selbst gibt es eigentlich gar keinen Fortschritt. So werden wir in 10 Jahren keinen Schritt weiterkommen."
"Okay, wir müssen eine Entscheidung treffen. So richtig glücklich ist offenbar niemand mit einem ganzen Tag ohne künstliches Licht. Nicht mal über den Tag selbst gibt es Einigkeit."
"In einer der E-Mails hat jemand den Vorschlag gemacht, das Licht nur eine Minute auszuschalten, und das jeden Tag um Mitternacht. Was hältst du davon?"
"Jeden Tag eine Minute ohne künstliches Licht?" Tobias sieht Anna skeptisch an.
"Jeden Tag eine Minute Sternenhimmel!"
In Annas Augen ist ein Leuchten erschienen, dem sich Tobias nicht entziehen kann. Wenn auch Anna jetzt an den Erfolg glaubt, dann kann nichts mehr schief gehen, da ist er sich sicher.
"Okay, um Mitternacht, wenn die meisten Menschen sowieso schon schlafen. Dann braucht kaum jemand auf etwas verzichten. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht."
"Hm, aber dann sieht's auch keiner", überlegt Anna.
"Stell dir mal vor", schwärmt Tobias, "wenn wirklich viele Menschen für eine Minute das Licht ausmachen, dann müsste das doch einen Effekt haben. Wenigstens einen kleinen, aber sichtbaren Effekt."
"Und dafür lohnt es sich schon mal, bis Mitternacht aufzubleiben. Ich werde die Homepage umbenennen nach www.eine-minute-sternenhimmel.org".
"Kriegst du das hin, dass man sich auf der Homepage registrieren kann? Mit Name und so?"
"Ja, ich denke schon", verspricht Anna.
"Und jeder, der sich registriert, verpflichtet sich, täglich um Mitternacht für eine Minute kein Licht anzumachen."
"Oder eben das Licht auszumachen", ergänzt sie.
"Das ist gut! Jeder kann mitmachen. Wir werden noch ein paar Tipps geben, zum Beispiel wie man mit einer Zeitschaltuhr die Außenbeleuchtung für eine Minute abschaltet und dann wieder einschaltet."

Mit ihrem neuen Konzept sind beide sehr zufrieden. Anna kümmert sich um die Homepage, fügt eine automatische Statistikanzeige hinzu und sorgt dafür, dass kein Engpass bei der Bandbreite entsteht. Die Besucherzahlen steigen weiter, und auch die Registrierungen rollen jetzt an.
Nachdem Tobias es endlich geschafft hat, dass ihr Projekt im Radio vorgestellt wird, explodiert die Anzahl der registrierten Besucher regelrecht. Prompt werden die beiden zu einem Interview ins Abendmagazin eingeladen.
"Im Studio begrüße ich heute Abend Anna und Tobias", beginnt der Radiomoderator, "Das sind die Initiatoren von Eine Minute Sternenhimmel. Wir haben vor einer Woche darüber berichtet. Hallo ihr beiden!"
"Hallo", antworten Anna und Tobias gleichzeitig, worauf Anna zu kichern anfängt.
Der Moderator fährt fort: "Was ist eigentlich das Ziel eures Projekts? Und was habt ihr bisher erreicht?"
Tobias erklärt, wie er den majestätischen Anblick des nächtlichen Sternenhimmels vom Lande wieder in der Stadt sichtbar machen will. Begeistert verkündet Anna die aktuelle Zahl der registrierten Mitstreiter.
"Kann man denn nachts schon etwas vom Erfolg des Projekts am Himmel sehen?", fragt der Moderator.
"Leider nein", gesteht Tobias. Und er zählt einige der größten Quellen auf: "Die wichtigsten Lichtverschmutzer sind Straßenbeleuchtung, Leuchtreklamen und Industrieanlagen. Die Privathaushalte fallen kaum ins Gewicht."
"Wir hoffen, dass sich trotzdem viele weitere Menschen auf unserer Homepage registrieren. So können wir vielleicht Druck auf die Regierung ausüben", fügt Anna hinzu.
"Und was soll die Regierung tun?"
"Wir erwarten, dass die Regierung strenge Auflagen für den Betrieb von Lichtquellen im Außenbereich erlässt", erklärt Tobias.
"Zum Beispiel?"
"Zum Beispiel ein Verbot der Abstrahlung nach oben."
Die notwendigen konstruktiven Veränderungen an den bestehenden Anlagen wären wohl nicht so schnell umsetzbar. Und wer sollte das alles bezahlen? Das Interview endet verhalten optimistisch.

Der Bekanntheitsgrad des Projekts ist nun so hoch wie niemals zuvor. Wie aber soll es jetzt weitergehen?
"Wir müssen an die großen Lichtverschmutzer ran. Ohne die kommen wir nicht weiter", resümiert Tobias, als er abends wieder einmal mit Anna durch den Park schlendert. Ein paar Sterne stehen blass am fahlen Nachthimmel.
"Das sind zu viele Firmen und Institutionen, die da mitmachen müssten. Wahrscheinlich werden wir sowieso bei den meisten auf Ablehnung stoßen", antwortet Anna.
"Da hast du wohl recht. Freiwillig werden die nicht mitmachen. Es würde ja ihrem Geschäft schaden."
"... werden sie jedenfalls glauben."
"Ich werde mal mit ein paar Lokalpolitikern darüber sprechen. Vielleicht kann die Stadt eine Änderung in die Satzung einbringen."
"Unsere Stadt?", will Anna wissen.
"Lass uns lieber erstmal mit einer kleinen Stadt beginnen. Das geht bestimmt einfacher", entgegnet Tobias.
Anna runzelt die Stirn. Man wird wohl in jeder Stadt gute Argumente brauchen. Ohne Not wird niemand die Satzung ändern. Wie könnte denn eine Stadt vom Lichtausschalten profitieren? Möglicherweise durch Ankurbelung des Tourismus? Ja, das ist es.
"Wir suchen eine Stadt, für die der Tourismus eine wichtige Geldquelle ist."
"Anna, du steckst voller guter Ideen! Ich weiß auch schon, in welcher Stadt wir beginnen. Gleich morgen werde ich hinfahren."

Mit seinem Vorschlag rennt Tobias in der kleinen Stadt offene Türen ein. Das Gespräch mit dem Kämmerer hat zur Folge, dass das Thema für die nächste Stadtverordnetenversammlung auf die Tagesordnung gesetzt wird. Tobias wird dazu sogar persönlich eingeladen und soll sein Projekt vorstellen.
Der Gemeindesaal im Rathaus füllt sich mit ungewöhnlich vielen Besuchern. Auch die Lokalpresse fehlt heute nicht.
„Meine sehr verehrten Stadtverordneten, liebe Bürgerinnen und Bürger“, eröffnet der Vorsitzende die Versammlung. „Der erste Punkt auf der Tagesordnung behandelt das Konzept eines jungen Mannes, welches unsere Stadt zu etwas Einzigartigem machen soll.“
Gespannt folgen Stadtverordnete und Besucher dem Vortrag von Tobias. Er spricht von Tourismus-Flaute, von Sensationslust, von Mitgliederzahlen und von der Faszination des ungetrübten Blickes in das Weltall. Alle künstlichen Lichtquellen müssten genau um Mitternacht für eine Minute abgeschaltet werden. Die ganze Stadt läge kurzzeitig in totaler Dunkelheit. Das bedeutete auch ein Fahrverbot für Kraftfahrzeuge aller Art.
Die anschließende Diskussion verläuft lebhaft. Die Befürworter sehen die große Chance, die Attraktivität der Stadt für Besucher aufzuwerten. Schnell werden Veranstaltungsvorschläge und Marketing-Konzepte ins Gespräch gebracht. Die anwesenden Vertreter der Lokalpresse sind Feuer und Flamme. Aber es gibt auch Bedenken bezüglich der Verkehrssicherheit. Und von heute auf morgen könne man ja auch nicht alle Lampen mit Zeitschaltuhren ausrüsten. Was wird das kosten?

Die Aussicht auf steigende Einnahmen durch den Tourismus ist dann aber doch so überzeugend, dass sich nach vier weiteren Sitzungen und vielen anstrengenden Diskussionen mit den zuständigen Verwaltungsgremien eine Mehrheit für die Einführung der Lichtabschaltung findet. Es wäre die erste und vielleicht einzige Stadt mit einer derartigen Sensation. Jede Nacht erschiene für eine Minute der Sternenhimmel, klares Wetter vorausgesetzt.

Bereits vor Inkrafttreten der neuen Satzung werden in der kleinen Stadt erste Erfolge am Nachthimmel sichtbar. Einige hell strahlende Werbetafeln werden alsbald durch eine kleine Änderung im Schaltprogramm auf die neue Vorschrift vorbereitet. Die Privathaushalte sind am schnellsten fertig. Und als auch noch die örtliche Tankstelle alle Lichter pünktlich 0:00 abschaltet, wird erstmalig nach fast 30 Jahren die Milchstraße über der kleinen Stadt wieder sichtbar. Von allen Seiten ist freudiger Jubel zu hören, und als eine Minute später das übliche milchige Grau die Sterne wieder überdeckt, schlägt das Grölen in Buhrufe um.
Nachdem das täglich wiederkehrende Ereignis sogar in den Fernsehnachrichten erwähnt wird, kommen tatsächlich deutlich mehr Touristen in die Stadt. Ohne Reservierung sind bald keine Unterkünfte mehr zu bekommen.

Der Erfolg der kleinen Stadt macht bald Schule. In einem Dorf im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern beschließt der Gemeinderat die ohnehin fällige Erneuerung der Straßenbeleuchtung. In derselben Sitzung wird auch der Betrieb von Leuchtreklame neu geregelt. Beide Beschlüsse zielen darauf ab, dass kein Licht mehr direkt in den Himmel abgestrahlt werden darf. Nach 4 Jahren ist es geschafft: Alle Lichtquellen im Dorf strahlen ausschließlich nach unten. Die Installation der letzten neuen Lampe feiert das Dorf mit einem Volksfest, das sogar im Fernsehen übertragen wird.

Einige weitere Städte und Gemeinden haben sich inzwischen dazu entschlossen, vielfältige Maßnahmen umzusetzen, um die Abstrahlung des Lichts in die Nacht zu verringern. Manchmal ist es wegen des Tourismus-Effekts, ein anderes Mal wegen der damit einhergehenden Stromeinsparung. Kurorte werben sogar mit der verbesserten Schlafqualität.
Tobias und Anna sind mächtig stolz auf das, was sie geschafft haben. Ein Paar sind sie jetzt nicht mehr, und Tobias ist mittlerweile in eine andere Stadt gezogen.

Einige Jahre später begegnen sich Tobias und Anna zufällig wieder. Anna sitzt vor einem kleinen Café und sieht verträumt zum Himmel auf. Die Sonne ist schon untergegangen, und die ersten Sterne erscheinen gerade am Firmament. Zwischen den Dächern der Mietshäuser und den dicht belaubten Kronen der Kastanienbäume ist nur ein Teil des Himmels zu sehen.
Tobias erkennt Anna sofort. Sie trägt die gleiche Frisur wie damals.
"Ist dein Latte macchiato noch heiß?", fragt er.
Anna sieht ihn mit einem Lächeln an, nimmt das Glas in die Hand und antwortet:

"Nur noch lauwarm. Schade, ich habe wohl zu lange gewartet."
"Auf was hast du gewartet, Anna?"
"Ich wollte nicht verpassen, wie der Mond zwischen den Dächern auftaucht."
"In einer hellen Mondnacht sind nicht viele Sterne zu sehen."
"Ich weiß. Aber das ist okay. Heute ist mir mal nach Mond."
Beide sehen gemeinsam für eine Weile nach oben. Neben Annas Latte macchiato liegt ein kleines Fernglas. Sie reden über alte Zeiten, freuen sich darüber, dass erstmalig der Nachthimmel in Europa nicht wieder heller als im Vorjahr ist, und bedauern, wie schleppend das Ganze vorangeht. Nur wenige kleinere Städte haben das Konzept mit der einminütigen Lichtabschaltung verwirklicht – ein Kuriosum, welches immer noch Touristen anzieht. Die meisten anderen setzen stattdessen auf dauerhafte Verringerung der Lichtverschmutzung. Und das ist es ja, was Tobias und Anna letztlich erreichen wollen. Sie haben das richtige Signal gesetzt.
„Die Diskothek mit dem Himmelsscheinwerfer ist eine harte Nuss, nicht wahr?“ Sie sieht ihn herausfordernd an. „Die Lichtsäule ist noch da.“
„Das stimmt“, antwortet er, und eine kleine Sorgenfalte bildet sich auf seiner Stirn. „Aber immerhin konnte ich sie dazu bringen, die Abschaltung um Mitternacht für eine Minute mitzumachen.“
„Hm, das ist besser als nichts!“
„Ja, es ist ein Anfang.“
Als endlich der Mond auf sie herabscheint, nimmt Anna ihr Fernglas in die Hand und richtet es nach oben.
"Was siehst du?", fragt Tobias.
"Ich stelle mir vor, wie unser Planet von dort oben aussieht. Ich meine, unsere Nachtseite. Ob man vom Mond aus die immer noch viel zu hellen Großstädte erkennen kann?"
Spät in der Nacht, als der Mond längst hinter dem nächsten Haus verschwunden ist, gehen beide nach Hause, jeder in seine Richtung.

In der nächsten Neumondnacht liegt Tobias auf dem Balkon seiner Wohnung, ganz allein. Es ist eine außergewöhnlich warme Sommernacht. Er kann Anna einfach nicht vergessen. Wie oft hat er Hand in Hand mit ihr zu den Sternen hinaufgeschaut? Auch jetzt wandert sein Blick über den Sternenhimmel. Mehr als 10000 dieser winzigen Lichtpünktchen kann man heutzutage in dieser einen Minute bei klarem Wetter sehen, sagen die Astronomen. Sogar im Zentrum der Stadt. Er hat das Gefühl, mitten hineinzufallen in dieses Sternenmeer. Die Stadt, in der er jetzt wohnt, ist jene Erste mit der einminütigen Lichtabschaltung. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Die Stadt ist seitdem deutlich gewachsen. Ein Auto besitzt Tobias heute nicht mehr. Stattdessen fährt er viel mit dem Fahrrad.
Zwei Flugzeuge fliegen über ihn hinweg. Das Heulen der Triebwerke übertönt sogar den allgegenwärtigen Straßenlärm, der bis hier oben von allen Seiten zu ihm hinaufquillt. Irgendwo von rechts ist der rhythmische Bass von Musik zu hören.
Nachts sind die Geräusche nicht die selben wie am Tage. Kein Kreischen eines Trennschleifers, kein Presslufthammer, keine Rasentrimmer. Insgesamt nicht ganz so laut wie am Tage. Aber Stille ist anders. Tobias denkt an jene Nacht mit Anna, weit draußen auf dem Land. Dort konnte man die Grillen zirpen hören.
Ein Lichtpunkt, vielleicht ein Satellit, bewegt sich schnell und lautlos von Südwesten her quer über den Himmel. Gleich stößt er am nächsten Stern an, denkt Tobias. Nein, doch nicht. Knapp verfehlt!
Auf seinem Handy wählt er die Nummer von Anna.
"Tobias, weißt du eigentlich, wie spät es ist?"
"Entschuldige, aber ich habe eine Idee."
"Die muss aber gut sein, damit ich sie mir anhöre."
"Das ist sie. Weißt du noch, wie wir die Sterne zurückgeholt haben?"
"Sicher. Was willst du dieses Mal zurückholen?"
"Die Grillen, Anna. Das Zirpen der Grillen. Und das Säuseln in den Blättern", erklärt Tobias voller Enthusiasmus,

"Und ich möchte, dass du mir dabei hilfst."
"Du spinnst!"
"Es geht um den Lärm unserer Zivilisation. Also, stell dir mal vor, wir würden nur für eine Minute, um die Mittagszeit ..."

 

© Karsten Lorenz

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